Lilly LETTER #4 2024Lilly

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Protein-Hype 
im Sprechzimmer

In Supermärkten ist ein wahrer „Protein-Rausch“ ausgebrochen: Eiweiß gilt bei Vielen als Schlüssel zu Fitness, Gewichtsreduktion und Gesundheit. Manche Patientinnen und Patienten berichten stolz, sie hätten „auf Protein umgestellt“. Doch was davon ist medizinisch sinnvoll – und wo wird aus dem Eiweiß Turbo eine gesundheitliche Stolperfalle? Ein Blick auf die Evidenz und den konkreten Praxisalltag.

Der Status Quo: Überversorgung statt Mangel
Proteine sind die Bausteine des Lebens – unentbehrlich für den Muskelerhalt, das Immunsystem und enzymatische Prozesse. Doch die Datenlage (u.a. der DGE) zeigt deutlich: Die deutsche Bevölkerung leidet keineswegs an einem Proteinmangel. Im Gegenteil, die meisten Erwachsenen nehmen bereits mehr Eiweiß zu sich als die empfohlenen 0,8 g pro Kilogramm Körpergewicht.1,2 Kinder und Jugendliche, Schwangere und Stillende sowie Personen über 65 Jahre haben einen leicht erhöhten Bedarf (ca. 1,0 g/kg).1 Was oft nicht gesehen wird: Überschüssige Proteinmengen bringen keinen weiteren gesundheitlichen Nutzen – insbesondere nicht ohne begleitendes Training.

Der Hype: Woher kommt er?
Protein hat ein gutes Image: Es sättigt, stabilisiert den Blutzucker und unterstützt den Muskelerhalt bzw. -aufbau. Diese Eigenschaften werden im Marketing gezielt zugespitzt. Protein wird zur „Wunderwaffe“ stilisiert – gegen Übergewicht, Müdigkeit und sogar Alterungsprozesse. 

Sinnvoll kann eine eiweißbetonte Ernährung sein bei:
  • Sarkopenie und Alter: Ältere Menschen können von einer gezielten Proteinversorgung zur Muskelerhaltung profitieren.
  • Gewichtsreduktion: Proteinreiche Kost kann die Sättigung verbessern und den Muskelabbau reduzieren – das gilt auch bei einer Inkretintherapie zur Gewichtsabnahme. 
  • Rehabilitation: Nach Krankheit oder Operation unterstützt Protein die Regeneration.
Meist wird allerdings der tatsächliche Bedarf massiv überschätzt. „Je mehr, desto besser“, ist ein verbreiteter Irrglaube und Zusatzprodukte werden als notwendig angesehen. Es ist wichtig zu erklären, dass die Proteinaufnahme nicht alleine zu Muskelerhalt oder -aufbau führt, sondern ein regelmäßiges Ausdauer- und Widerstandstraining notwendig ist.

Die High-Protein-Falle 
Bei proteinreich gelabelten Fertigprodukten ist ein kritischer Blick auf die Inhaltsstoffe essenziell. Oft handelt es sich um hochverarbeitete Lebensmittel (Ultra-Processed Foods).
  • Zusatzstoff-Cocktails: Um die Textur trotz hohem Casein- oder Sojaproteingehalt cremig zu halten, werden oft Verdickungsmittel, Süßstoffe und Aromen zugesetzt.
  • Preis-Leistungs-Paradox: Ein High-Protein-Quark kostet oft das Doppelte oder Dreifache eines herkömmlichen Magerquarks, obwohl der Proteingehalt nur minimal höher ist oder durch den Einsatz von billigem Milcheiweißpulver „gepimpt“ wurde.
  • Das „Health-Halo“-Problem: Menschen greifen zu proteinreichen Riegeln in dem Glauben, etwas Gesundes zu tun. Dabei nehmen sie aber oft eine beträchtliche Menge an gesättigten Fettsäuren und Ersatzsüßen auf.
Bei vorbestehender Nierenerkrankung kann außerdem eine hohe Eiweißzufuhr die Funktion weiter beeinträchtigen.

5 Tipps für die Patientenbegleitung
Wenn Ihre Patientinnen und Patienten den Ernährungsschwerpunkt auf Proteine verlegen wollen, sollten Sie das Gespräch weg von der „Pudding-Becher-Logik“ und hin zu echter Lebensmittelqualität führen.

1. Bedarf klären 
Welcher Anlass steckt hinter dem Proteinwunsch: Gewichtsreduktion? Muskelaufbau? Oder ist es schlicht der Social Media Einfluss? Ermitteln Sie gemeinsam den individuellen Proteinbedarf. Häufig reicht eine ausgewogene Mischkost völlig aus.

2. Bei Risikogruppen Nierenfunktion checken 
Bevor eine Patientin oder ein Patient auf eigene Faust eine „Low-Carb-High-Protein“-Diät startet, sollte bei Risikogruppen (z. B. Hypertonie, Diabetes) das Serum-Kreatinin und ggf. die Albuminurie geprüft werden. Ein „Go“ für hohe Proteinmengen sollte nur bei intakter Nierenfunktion erfolgen.

3. Qualität vor Quantität betonen
Empfehlen Sie natürliche, möglichst wenig verarbeitete Proteinquellen wie Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Eier, Fisch oder Nüsse – statt isolierter Zusätze in stark verarbeiteten Produkten.

4. Den „High-Protein“-Aufdruck entzaubern
Geben Sie Ihren Patienten eine Faustregel mit: „Schauen Sie nicht auf die Vorderseite der Packung, sondern auf die Zutatenliste.“ Wenn dort mehr als fünf Begriffe stehen, die man nicht in der eigenen Küche hat, sollte man skeptisch sein. Ein klassischer Magerquark mit frischen Beeren schlägt jeden High-Protein-Erdbeerpudding.

5. Auf Hydratation achten
Wer die Proteinzufuhr steigert, sollte mehr trinken. Die Nieren brauchen für die Ausscheidung der beim Eiweißabbau entstehenden Stoffe (wie Harnstoff) zusätzliches Wasser.

Fazit: Zurück zur Balance
Der Protein-Hype ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein sinnvoller ernährungsphysiologischer Ansatz überzeichnet wird. Eiweiß ist wichtig – aber kein Allheilmittel. Für die Praxis bedeutet das: den individuellen Bedarf einordnen, aufklären und die Menschen auf dem Weg zur ausgewogenen Ernährung begleiten.
 Laden Sie sich hier als Service für Ihre Patientinnen und Patienten den kompakten Überblick „Natürliche Proteinlieferanten“ herunter.
Quellen:

1.   Nationale Verzehrsstudie II; Max Rubner-Institut; 2008;
       https://www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Institute/EV/NVSII_Abschlussbericht_Teil_2.pdf
       (zuletzt aufgerufen am: 23.04.2026)
2.   DGE; https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/protein/
       (zuletzt aufgerufen am: 23.04.2026)


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Bildhinweis: © istockphoto.com/nensuria
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